Fahnen und Flaggen
Flaggen und Fahnen
Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 verwandelte sich Deutschland in ein Flaggenmeer. An Wohnhäusern hing die Nationalflagge, Autos wurden mit Fähnchen dekoriert und selbst die Kleidung vieler Fans bestand aus Schwarz-Rot-Gold. Das Motiv für diese neu entdeckte Lust an der Flagge mag bei jedem unterschiedlich gewesen sein: Nationalstolz, Gruppengefühl, Anfeuern der eigenen Mannschaft oder Ausdruck von Lebensfreude. Flaggen findet man nicht nur beim Sport: Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, wird dort jede Menge Fahnen entdecken.
Fahnen sind eine Wissenschaft
Menschen scheinen aus fast allem eine Wissenschaft zu machen. Und das gilt auch für Fahnen: Vexillologie ist der Begriff für die Wissenschaft von Fahnen und Flaggen. Das Wort leitet sich vom lateinischen Wort “vexillum” ab, das für “Banner”, also die Vorläufer heutiger Fahnen steht. Die Vexillologie ist eine recht junge Wissenschaft, die Ende der 1950er Jahre gegründet wurde. Davor zählten Flaggen und deren Erforschung zur Wappenkunde (Heraldik). Die Vexillologen unterscheiden übrigens zwischen Flaggen und Fahnen, obwohl die beiden Begriffe im allgemeinen Sprachgebrauch für ein und dasselbe stehen. “Flaggen” sind die typischen Länderembleme, die auf große Stofftücher gedruckt sind und an Masten von Gebäuden oder Schiffen gehisst werden. “Fahnen” sind dagegen wertvollere Einzelstücke mit teilweise aufgestickten Emblemen. Man findet sie heute vor allem bei traditionellen Schützenvereinen oder Musikkapellen. Bei ihren Auftritten werden sie meist auf einer Fahnenstange vorweg getragen.
Die Ursprünge von Fahnen und Flaggen
Fahnen und Flaggen dienen der Kommunikation. Man kann mit ihnen über größere Distanzen Zeichen und Botschaften übermitteln. Oder sich einfach nur erkennbar machen. Es gibt keinen definierten Zeitpunkt, wann es in der Geschichte der Menschheit zum ersten Mal so etwas wie Flaggen gegeben hat. Schon vor rund 5000 Jahren soll der Mensch angefangen haben, Symbole zu benutzen, um sich von anderen zu unterscheiden. Anfangs wurden sie in Stein gemeißelt, irgendwann suchte der Mensch nach Möglichkeiten, diese Symbole auch tragbar und weithin sichtbar zu machen. Viele frühe Kulturen haben sich in Kriegen oder bei friedlichen Begegnungen durch gut sichtbare Objekte, die auf Stangen hochgehalten wurden, als Gruppe ausgewiesen. Bei den Römern sollen dies zum Beispiel “Adler” gewesen sein. Sie wurden auf einer Stange als Skulptur oder als Zeichnung auf einem Banner den Legionen voran getragen. Später benutzte man Wappen, um erkannt zu werden. Diese Wappen enthielten oft aufwändige Zeichnungen mit Tiermotiven. Sehr wichtig waren sie für Ritter, damit sie trotz ihrer Rüstung erkennbar blieben. Ritter trugen ihre Wappen auf ihren Rüstungen und sie wurden auf Stofffahnen gemalt.
Das Entstehen der heutigen Nationalflaggen
Die Nationalflaggen, wie wir sie heute kennen, haben ihren Ursprung in der Seefahrt des Mittelalters. Die großen im Wind wehenden Stofftücher sorgten dafür, dass Kriegs- und Handelsschiffe schon von weitem identifiziert werden konnten. Die holländische “Trikolore” aus dem 16. Jahrhundert mit ihren drei rot-weiß-blauen Querstreifen gilt als eine der ersten “modernen” Flaggen. Sie ist bis heute in Gebrauch.
Erst in der Zeit nach der Französischen Revolution bekamen Flaggen auch für die Menschen auf dem Festland eine größere Bedeutung. Sie wurden zunehmend zu einem Symbol für nationale oder politische Zugehörigkeiten. Flaggen markierten Grenzen, sie wurden zum Symbol für Unterdrückung und Inbesitznahme, für Befreiung und Widerstand. Bis heute haben Flaggen für viele Menschen eine besondere Bedeutung. Sie werden mit Respekt behandelt, geliebt und sogar verteidigt. Oder aber auch zerstört, wenn sie als Symbol für einen Gegner gelten.
Flaggen in der Werbung
Flaggen werden heute nicht mehr ausschließlich von Ländern oder politischen Einrichtungen genutzt. Wehende Fahnen im Wind sind ein Blickfang. Und das hat man seit langem auch in der Werbung erkannt. Fast jedes Auto-, Möbel- oder Warenhaus hat Flaggen mit eigenen Motiven. Und die geben – ein bisschen Wind vorausgesetzt – jedem Unternehmen ein dynamisches Erscheinungsbild. Dabei entfernt sich die Gestaltung zunehmend von den klassischen Flaggen. Immer häufiger findet man bedruckte Fahnen mit fotorealistischen Motiven. Auch Hotels schmücken sich gerne mit Fahnen. Neben eigenen Motiven benutzen sie auch reguläre Länderflaggen, um Gäste aus einem bestimmten Land willkommen zu heißen. Oder sie versuchen, sich durch eine Vielfalt an Nationalflaggen ein internationales Image zu geben.
Spezielle Flaggen zur Kommunikation
Neben Fahnen und Flaggen, die eine Zugehörigkeit ausdrücken, gibt es auch Kommunikationsflaggen. Sie findet man unter anderem in der Schifffahrt und im Sport. Wohl jeder kennt die schwarzweiß karierte Zielflagge beim Autorennen. In der Schifffahrt existiert ein internationales Signalalphabet mit 26 verschiedenen Signalflaggen und zehn Flaggen, die für die Ziffern 0 bis 9 stehen. Dieses Alphabet geht zurück auf die Zeit, in der es noch keinen Funkverkehr auf See gab und die Besatzungen nur mittels Flaggen in Sichtweite kommunizieren konnten. Von der Farbgebung und Gestaltung ähneln diese Flaggen manchen Nationalflaggen, haben aber eine völlig andere Bedeutung.
Die jeweiligen Bedeutungen sind in einem internationalen Signalbuch festgelegt, das es seit 1901 gibt. In den seltensten Fällen werden diese Flaggen jedoch zum Buchstabieren genutzt. Jede Signalflagge hat eine eigene Bedeutung. Und auch Kombinationen mehrerer Flaggen haben spezielle Aussagen, die mit den eigentlichen Buchstaben nichts zu tun haben müssen. Die Signalflagge für den Buchstaben “O” bedeutet “Mann über Bord”. “V” steht für “Ich brauche Hilfe” und “G” steht für “Ich benötige einen Lotsen”. Werden diese drei Flaggen gemeinsam gehisst, bekommen sie für den kundigen Seefahrer eine völlig andere Aussage und bedeuten dann “Ich danke Ihnen”.
Fahnen als Kunstobjekte
Fahnen habe eine große ästhetische Wirkung. Die leuchtenden Farben vor möglichst königsblauem Himmel haben ihren Reiz. Und das ist natürlich auch der Kunstszene nicht verborgen geblieben. Es gibt einige Künstler, die sich der Gestaltung phantasievoller Flaggen angenommen. Dabei halten sie sich an keinerlei Regeln. Schön ist, was gefällt. Ob rund, eckig oder gezackt. Und mit den Ergebnissen werden dann Innenhöfe, Gebäude oder sogar Bäume dekoriert. Dass diese Form der Kunst durch Wind und Wettereinflüsse sehr vergänglich ist, wird von den Künstlern übrigens als selbstverständlich hingenommen.
Flaggen schaffen Arbeitsplätze
Flaggen und Fahnen sind ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftszweig. Es gibt in Deutschland zahlreiche Firmen, die sich auf ihre Herstellung spezialisiert haben. Allein die handwerkliche Anfertigung von Fahnen für Vereine bringt gutes Geld. Ein solch aufwendig gesticktes Einzelstück kann mehrere Tausend Euro kosten.
Den Hauptumsatz bringen natürlich die Flaggen für Länder, Werbung, Sportvereine und nicht zuletzt Fan-Flaggen. Allein während der Fußball-WM 2006 sind Schätzungen zufolge fünf Millionen Flaggen verkauft worden, was dem Flaggenhandel einen Umsatz von zirka 25 Millionen Euro verschafft haben soll. Wobei rund 80 Prozent der Flaggen aus Fernost importiert wurden. Dennoch war auch die hiesige Flaggenindustrie mehr als erfreut über die neue Begeisterung an dem wehenden Stoff.
Sport- und Sonderveranstaltungen bescheren dieser Industrie immer wieder Umsatzhöhepunkte. Aber auch sonst ist eine ständige Nachfrage vorhanden. Denn Flaggen unterliegen durch Wind und Wetter einem hohen Verschleiß und müssen regelmäßig ausgetauscht werden.